Antiquariat Jürgen Dinter

Overbeck, Franz

Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie … — Leipzig 1873

750 €

Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Streit- und Friedensschrift. — Leipzig, E. W. Fritzsch, 1873.

Erste Ausgabe. Gr.-8vo (227 x 138 mm). VII, 102, (1) S. Die rechte untere Ecke des Vortitels (Streit- und Friedensschrift.) ergänzt. Die drei ersten Blätter etwas stockfleckig. Das letzte Blatt im Innenrand verstärkt. Einfacher Pappband um 1900. Selten.

„Ein Zwillingspaar aus Einem Haus

ging muthig in die Welt hinaus,

Welt-Drachen zu zerreissen.

Zwei-Väterwerk! Ein Wunder war’s!

Die Mutter doch des Zwillingspaars

Freundschaft hat sie geheissen!

Der eine Vater dem andern!“

 

So lautet die Widmung an Overbeck, die Nietzsche in das für seinen Freund bestimmte Exemplar seines Buches David Strauss. Der Bekenner und der Schriftsteller hineingeschrieben hatte. Der „Zwilling“ der ersten Unzeitgemäßen ist die hier angebotene Streitschrift Overbecks.

Overbeck war der „treueste, durch nichts zu beirrende und verwirrende Wegbegleiter Nietzsches“ (Jantz I, 360), der „ernsteste, freimütigste, und persönlich liebenswürdig-einfachste Mensch und Forscher, den man sich zum Freunde wünschen kann. Dabei von jenem Radikalismus, ohne den ich nun schon gar nicht mehr mit jemandem umgehen kann“ (Nietzsche an Rohde).

In „Einem Haus“ – damit ist der Schützengraben 45 in Basel gemeint, die Baumannshöhle, wo Overbeck und Nietzsche vier Jahre gemeinsam wohnten. Beide hatten sich ein Exemplar ihres eigenen Buches mit dem des Freundes zusammenbinden lassen.

Overbecks Schrift ist bekanntlich die radikale Kritik der Möglichkeit einer christlichen Theologie. Über die Entstehung seiner Schrift, bemerkt Overbeck in der Einleitung zur zweiten Auflage (1902, S. 16f.) u. a.: „Und als nun gleich darauf, etwa seit dem Herbst 1872, die ersten Umrisse des Plans zu den Unzeitgemässen Betrachtungen mir zu Gehör zu kommen begannen, und mit ihnen auch jene Sommationen, gewissermassen mitzuthun, ohne die Nietzsche damals mit Freunden über dergleichen Absichten kaum zu reden pflegte, da hatten doch auch diese zunächst von mir so zu sagen nur mit halbem Ohr vernommenen und direkt kaum erwiderten Sommationen schon bis zum Frühjahr 1873 so viel Frucht getragen, dass sie mich plötzlich genug den Gedanken wirklicher Bereitschaft zur Folgeleistung, und nicht nur diesen Gedanken, sondern auch den Muth zu seiner Erprobung, in den Osterferien des genannten Jahres fassen liessen.“ Ende April war das Manuskript fertig und, auf den Rat Nietzsches, zu Fritzsch nach Leipzig geschickt worden.

In einem Brief an Richard Wagner vom 26. April 1873 bittet Nietzsche diesen, sich bei Fritzsch für das Buch zu verwenden; es heißt in diesem Brief u.a.: „Ich halte Overbeck’s Characteristik der gegenwärtigen theologischen Parteien für ein Meisterstück … Wir haben uns vergeblich nach einem anderen geachteten Verleger für eine so offene und kühne Schrift umgesehen und finden jedesmal, dass die bekannteren Verleger selbst schon theologische Parteimänner sind …“

An Rohde schrieb er am 5. Mai 1873: „Overbeck ist mit seiner Schrift (wir nennen sie Zukunftstheologie) fertig, auch der Verleger ist gefunden – und wer ? Fritzschius! Natürlich in so schönem Gewande wie die Geburt der Trag. auftretend, wird sie nicht verfehlen alle theologischen Parteien zur Entrüstung zu bringen. Gersdorff hat Recht, wenn er schreibt, Basel sei vulcanisch geworden.“

Zum Schluss noch einmal Overbeck: „mein Schriftchen ist ein Monolog, und es hat als solcher auch das Verständnis gefunden, auf welches dergleichen Lucubrationen in der Welt nun einmal Anspruch haben, nämlich nahezu keines.“