Antiquariat Jürgen Dinter

Hamann, Johann Georg

Sokratische Denkwürdigkeiten — Amsterdam [Königsberg] 1759

7.500 €

[Hamann, Johann Georg]  Sokratische Denkwürdigkeiten für die lange Weile des Publicums zusammengetragen von einem Liebhaber der langen Weile. Mit einer doppelten Zuschrift an Niemand und an Zween. — Amsterdam (i. e. Königsberg, Michael Christian Hartung) 1759.

 

Erste Ausgabe

Kl.-8vo (154 x 96 mm). 64 S. Die Seite 28 mit einer kleinen Tintenspur. Zeitgenössischer Kalblederband mit Rückenschild, etwas Rückenvergoldung und einem kleinen Papierschild; gering berieben. Vorgebunden: J. J. Engel, Versuch einer Methode die Vernunftlehre aus Platonischen Dialogen zu entwickeln. Berlin, Voß, 1780.

Provenienz: Exlibris N. A. Kirchberguer – wohl Nicolaus Anton Kirchberger, 1739-1799, Baron von Liebistorf im schweizer Kanton Freiburg. Kirchberger gehörte zu den Illuminaten (vgl. A. Faivre, Kirchberger et l‘illuminisme du dix-huitième siècle, Den Haag 1966). Von ihm liegt u. a. eine Notiz über ein mit Goethe geführtes Gespräch vor (Biedermann, Hrsg., Goethes Gespräche, Leipzig 1889, Bd. 1., S. 57). Siehe auch Jöcher, 3. Ergänzungsband, Sp. 376.Schulte-Strathaus S. 2f., Nr. 8; Ziegenfuß I, 439. Albrecht, Mendelssohn, Austellungskatalog HAB, Nr. 40.

 

¶ Als die „Hohenpriester der neuesten Litteratur“ Hamann baten, einer Neuauflage der Denkwürdigkeiten – seiner „ersten und berühmtesten Veröffentlichung“* – zuzustimmen, antwortete dieser, dass es „weder einem Verleger noch dem Publico zuzumuthen sei, unverständliches Zeug zu lesen.“ Unverständlich war die Schrift ihrem Autor geworden, „weil sich alles auf die wirklichen Lagen meines Lebens bezieht, auf Augenblicke, falsche, schiefe, verwelkte Eindrücke, die ich mir nicht zu erneuern im Stande bin.“**

Die Philologie allerdings hat sich etwas mehr bemüht bei der Lektüre der Erstlingsschrift des bei ihrem Erscheinen 29 Jahre alten Hamann als dieser selbst im Alter von 55 Jahren noch die Neigung hatte – aus 1785 stammt das obige Zitat.

Die Früchte dieser philologischen Anstrengungen zu genießen bildet die Voraussetzung für den Genuß des Büchleins selbst, dieses mikroskopischen Wäldchens (S. 13) voller Anspielungen, unausgesprochenen Verweise, Andeutungen, Analogien und Typologien, voller Paradoxien, Versteckspiele und Ironien, deren Ziel es, wie man weiß, war, die Grenzen eines grenzenlos sich gebenden aufgeklärten Denkens ins Bewußtsein zu bringen, eines Denkens, das erfolgreich zur Schwärmerei und Verbohrtheit erklärte, was sich ihm nicht fügte – sowie Hamann sich den Anstrengungen nicht fügte, die sein Jugendfreund Christoph Berens und der von ihm eingespannte Immanuel Kant unternahmen, um den Bekehrten wieder für den rechten Glauben zurückzugewinnen. Im großen Brief vom 27. Juli 1759 schreibt er an Kant u. a.: „Ich muß beynahe über die Wahl eines Philosophen zu dem Endzweck, eine Sinnesänderung in mir hervorzubringen, lachen.“

Die, denen der aufgeklärte mainstream einiges Unbehagen bereitete, nahmen ihn durchaus wahr: „Seine Sokratischen Denkwürdigkeiten erregten Aufsehen, und waren solchen Personen besonders lieb, die sich mit dem blendenden Zeitgeist nicht vertragen konnten. Man ahndete hier einen tiefdenkenden gründlichen Mann, der, mit der offenbaren Welt und Literatur genau bekannt, doch auch noch etwas Geheimes, Unerforschliches gelten ließ, und sich darüber auf eine ganz eigne Weise aussprach. Von denen, die damals die Literatur des Tags beherrschten, ward er freilich für einen abstrusen Schwärmer gehalten, eine aufstrebende Jugend aber ließ sich von ihm wohl anziehen.“ (Goethe).

Die Anziehungskraft Hamanns, der „in Archipelen von submarinem Zusammhang“ denke (E. Jünger), endete nicht mit den von Goethe erwähnten Stürmern und Drängern, sondern zieht sich über Schelling, Kierkegaard und Nietzsche bis ins 20. Jahrhundert – man hat von der sotterranea presenza di Hamann gesprochen.

Über die Auflagenhöhe der Sokratischen Denkwürdigkeiten scheint nichts bekannt zu sein. Da es sich um das Erstlingswerk eines unbekannten Autors handelte, wird sie bei 400 oder weniger Exemplaren gelegen haben. „Das Buch wurde bald zu einer gut bezahlten, schließlich unauffindbaren Seltenheit. Noch zu Hamanns Lebzeiten erzielte es auf Königsberger Versteigerungen vier Gulden“ (Nadler, S. 102) – was viel gewesen zu sein scheint.

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* R. Unger, Hamann und die Aufklärung, Halle 1925, S. 508.

** Blanke (J. G. Hamanns Hauptschriften erklärt, Bd. 2, Gütersloh 1959, S. 46) schreibt: Die späteren Randvermerke Hamanns in einigen Exemplaren der Denkwürdigten „beweisen zum Teil […] daß der spätere Hamann die Meinung seiner Erstlingsschrift mißverstanden hat. Vor allem erklären die späteren Ergänzungen nicht, wie Hamann im Jahr 1759 auf seine Gedanken gekommen war.“