Antiquariat Jürgen Dinter

Helmont, Franciscus Mercurius van

Seder Olam sive Ordo Seculorum […] — 1693

2.000 €

Seder Olam sive Ordo Seculorum, historica enarratio doctrinae. – (Leyden?), 1693.

Erste Ausgabe

12mo. 196 S., (1) Bl. Index, 2 Tafeln. Das Titelblatt mit einem schwachen Stempel und einem alten Namenseintrag, das vordere Vorsatzblatt mit alten Notizen zum Autor des „rarissimus libellus“ – wie es dort genannt wird. Neues Kalblederbändchen mit Rückenvergoldung im Stil der Zeit. Sauberes, schönes Exemplar. –  Ueberweg, Philos. d. 17. Jahrhunderts (2001), S. 48, Nr. 144; Risse, Bphv V, 172.

 

¶ Vergil, der Heide, erklärt Dante, dem Christen, warum im ersten Kreis der Hölle die Ungetauften „in Sehnsucht leben, hoffnungslos“ – vor Christus gelebt zu haben, nicht in den Genuß gekommen zu sein, die alleinseligmachende Botschaft vernehmen zu können: “Nur dies, nichts andres hat uns hergeführt”. Darauf Dante: “Es krampfte sich mein Herz ob solcher Kunde …”. Zu denen, deren Herz krampfte in Sorge um die, die zu früh kamen, zählt auch Helmont. Er hat allerdings, anders als Dante, den Kreis derer, die Gegenstand seines Mitleidens bildeten, erweitert, nämlich auf: Alle, und er hat, nicht ohne Vorläufer, Erlösung und Verklärung zum gewissen Ziel aller erhoben: “so werden auch alle Strafen der Verdammten … ein Ende haben” (Seder Olam, § 70) denn “durch unendliche Ewigkeiten strafen, ist wider die Natur Gottes, als welche die unendliche Liebe ist, durch unendliche Ewigkeiten aber wohlzuthun, stimmet mit der göttlichen Natur am besten überein.” (§ 73 [1]) Erlöst und verklärt werden aber die Sterblichen nicht grundlos, sondern nach eigenem Verdienst und läuterndem Bemühen.

Wie ist jedoch die Verklärung möglich, wenn der Tod den nicht geläuterten Sünder trifft? Hier nimmt Helmont die für ihn wichtigste Denkfigur auf: die der revolutiones animorum, der Wanderung der Seele durch die Welten. “Welche aber nicht in dieser Welt vollendet werden, die erlangen auch nicht die Verklärung ihres Leibes, sondern steigen wieder in die folgenden Welten hernieder, damit sie im fleischlichen Leibe … aufs neue geboren werden, bis sie endlich ihre Vollendung erhalten…” (§ 79)

Helmont adaptiert die alte Lehre von der Transmigration der Seelen in der Form, wie sie sie in der lurianischen Kabbalah erhalten hat. Er und Knorr von Rosenroth hatten in ihrer berühmten Sammlung “Kabbala denudata” u. a. den Text eines Isaac Lurja [2] (oder eines seiner Schüler) über die Wanderung der Seelen veröffentlicht, Helmont war also mit der Lehre aufs beste vertraut. Nur in ihr fand er eine befriedigende Lösung des Theodizee-Problems – des Endes der “allzu unanständigen Gedanken von Gott”(§ 69), und nur sie schien ihm die Chancen einer Wiedervereinigung der Religionen zu ermöglichen.

Diese Lehre des Gilgul, wie sie hebräisch heißt, bildet die Voraussetzung für das Verständnis der “ordo seculorum”, der “Ordnung der Zeitläufte” – ebenso wie Helmonts ausführliche Darstellung der kosmischen Schleife als Weg der Seele: Ursprünglich im mundus creationis präexistent stürzt die Seele in und nach ihrem Fall durch den mundus formationis in die unterste, die sichtbare Welt, den mundus factionis, aus dem sie sich in vielen Leben erhebt und in ihren prälapsarischen Zustand zurückkehrt. Von der sichtbaren Welt gilt, daß sie selbst in Welten zerfällt, von denen jede einzelne 7000 Jahre besteht – damit ist man bei der “wahren Chronologie der Welt” angelangt: “Die wahre Chronologie der Welt begreift von der Erschafung der Welt bis auf die Creutzigung des Seeligmachers Christi 3996 1/2 Jahre, von der Creutzigung Christi bis an ihr Ende 3003 1/2 Jahre, das macht vom Anfange der Welt bis auf ihr Ende völlige 7000 Jahre” (§ 85).

Zur Chronologie der wiederkehrenden Seelen gehört, daß sie 12 revolutiones durchmachen; 12 müssen es sein, weil nur so die kurz nach der “Fabrikation” unserer Welt Geborenen in den Genuß der Botschaft des Heilands kommen können und nur dann ihnen die volle Imputabilität zukommt – die Beweisführung ersparen wir uns.

Damit ist von Helmont auch die Frage “Warum so spät?” (H. Blumenberg, Matthäuspassion S. 148) beantwortet: “Er hat nicht eher und geschwinder kommen sollen, denn wenn Er eher gekommen wäre, so hätte er seine 12 Revolutiones von 3996 Jahren nicht vollendet gehabt; und später durfte er auch nicht kommen, weil sonsten einige Seelen alle ihre Revolutiones vollendet hätten, eher der Messias gekommen wäre, mithin um die Frucht und Wohltat seiner Ankunft im Fleische gebracht worden, welches aber nicht geschehen konnte.” (§ 116) [3]

———————–

[1] Die Zitate stammen aus einer um 1700 angefertigten Übersetzung ins Deutsche, die mir als Manuskript vorliegt.[2] Zu Lurja: G. Scholem, Seelenwanderung und Sympathie der Seelen in der jüdischen Mystik, in: Eranos-Jahrbuch 24 (Zürich 1956) S. 55-118.[3] Gelehrte Nachrichten über Helmont liest man am ausführlichsten in: A. P. Coudert, The Impact of the Kabbalah in the Seventeenth Century. The Life and Thought of Francis Mercury van Helmont (1614-1698), Leiden 1999, wo auch den vielfältigen Beziehungen Helmonts zu Zeitgenossen wie Henry More, den Quäkern, Locke, Leibniz u. a. nachgegangen wird. Siehe jetzt auch: Schmidt-Biggemann, Geschichte der christlichen Kabbala. Bd. 3.: 1660-1850. Stgt. 2013, S. 1-51.