Antiquariat Jürgen Dinter

Helmont, Franciscus Mercurius van

Seder Olam / Deutsches Manuskript — ca. 1700

Seder Olam sive Ordo Seculorum Historica Enarratio doctrinae. das ist: Historische Erzehlung der Lehre von der Ordnung der Ewigkeiten, oder der Zeitläuffte. Anno 1693. [sold]

 

Manuskript auf Papier, frühes 18. Jahrhundert.

 

166 x 103 mm. (2) Bl., 214 S., (1) weißes Bl., (1) Bl. Zwischentitel [Verschiedene Fragen über die Offenbarung], 169 S. 2 gefaltete Tafeln. Zeitgenössischer marmorierter Pappband.

 

Provenienz: Friedrich Wilhelm Riemer (1774-1845), seine Initialen und Namenszug auf dem Innendeckel. Riemer, Philologe und Bibliothekar in Weimar, seit 1814 Goethes Sekretär.

 

¶ Helmonts Seder Olam war 1693 in lateinischer, 1694 in englischer Sprache erschienen. Gehalt und Intentionen des Buches habe ich in der Beschreibung der gedruckten Ausgabe von 1693 kurz dargestellt. Darum hier nur kurz: Seder Olam nimmt die Intentionen der lurianischen Kabbalah auf (Erlösung aller, leere Hölle, Gerechtigkeit und Gnade Gottes miteinander vereinbar, Seelenwanderung als Möglichkeit der Läuterung) und entwickelt eine diesen Annahmen entsprechende Chronologie.

Wie es zu der vorliegenden Übersetzung, die der Forschung unbekannt ist, kam, konnte ich leider nicht herausfinden – darum zwei Vermutungen:

1696 war Helmont mehrfach zu Gast bei der hannoverschen Kurfürstin Sophie. Gegenstand der Gespräche, an denen auch Leibniz teilnahm  („Unter den Menschen, die aussergewöhnliche Ansichten haben, bin ich eigentlich nur Herrn van Helmont begegnet …“), war Helmonts Seder Olam. Leibniz hatte von diesen Gesprächen für die Nichte der Kurfürstin, Lieselotte von der Pfalz, ein Protokoll anzulegen, das dann Gegenstand eines weiterführenden Briefwechsels zwischen den beiden wurde. Denkbar ist, dass die Übersetzung in diesen intensiven Gesprächen angeregt worden ist. Nach Grua (G. W. Leibnitz, Textes inédits publ. par G. Grua, Paris 1948, S. 98f.) entstanden während dieser Gespräche schriftliche Auszüge aus dem Werk Helmonts. Zwar existieren keine Belege für eine vollständige Übersetzung ins Deutsche als unmittelbare Folge dieser Gespräche, dass aber in ihnen die Idee für eine solche Übersetzung entstanden sein könnte, ist nicht ganz unplausibel.

Suchen könnte man auch in eine andere Richtung. Seder Olam ist Debatten über die Kabbala entsprungen, die in den 1670er Jahren zwischen Anne Conway, Henry More, George Keith, Helmont und anderen auf Ragley Hall, dem Landsitz der Conway, geführt worden sind. Die Forschung weist darauf hin, dass Seder Olam im engsten Zusammenhang mit Conways Principles of the most ancient & modern philosophy steht – ein Werk, das erst 11 Jahre nach ihrem Tod publiziert wurde. In Analogie dazu könnte die Entstehungszeit von Seder Olam, von der wir nichts wissen, auch in die späten 1670er oder frühen 1680er Jahren fallen. Dies einmal als möglich angenommen, wäre Knorr von Rosenroth, gestorben 1689, als Übersetzer denkbar. Coudert (Leibniz and the Kabbalah, S. 46) zitiert Leibniz, der über Knorr schreibt, er sei „attending to the publication in German of the works of Helmont …“.

Unsere Handschrift wäre dann eine Abschrift seiner verlorenen Übersetzung. Das ist natürlich nur eine Möglichkeit neben anderen denkbaren.

Es handelt sich um ein sehr saubere, sorgfältige und gut lesbare Handschrift.

Unpublished and unique German translation of Helmonts Seder Olam, which was published in Latin in 1693, and in English in 1694.

Provenance: Friedrich Wilhelm Riemer, Goethes amanuensis in Weimar since 1814; his signature on front paste-down.